Mildreda sind längst kein Geheimtipp mehr. Musikalisch bewegt sich das Projekt souverän auf Augenhöhe mit Genregrößen wie Fix8:Sed8 oder 2nd Face.
Mit „Realities“ präsentiert Mildreda-Mastermind Jan Dewulf ein Konzeptalbum, das sich mit der Frage auseinandersetzt, was in unserem Universum und in unserem Bewusstsein tatsächlich real ist – und was möglicherweise nicht.
Musikalisch knüpft das Album an das vorherige Mildreda-Werk an. Industrial-Klänge kanadischer Prägung treffen auf zahlreiche Samples, raue Geräuschkulissen und eingängige Melodien.
„Realities“ erscheint als Doppel-CD mit insgesamt 18 Tracks, darunter Kooperationen mit Johan van Roy von Suicide Commando und Calva Y Nada.
Nach dem kurzen Intro „Reality Check“ bricht „End Of The Line“ mit voller Wucht aus den Boxen – Dark Electro in Bestform. Neben den bereits genannten Referenzen drängen sich dabei auch Skinny Puppy und Front Line Assembly als Vergleiche auf. Für die Tanzfläche eignet sich der Track vielleicht nur bedingt, dafür entfaltet er über Kopfhörer und bei entsprechender Lautstärke seine ganze Wirkung.
Nach intensiven vier Minuten und 21 Sekunden sorgt der nächste „Reality Check“ für einen abrupten Stimmungswechsel: Verträumte Klangsequenzen schweben durch den Raum, bevor raue Sprachsamples die Atmosphäre zerfetzten.
„Damage Done“ beginnt mit einer dröhnenden Rhythmussequenz, die den Song jedoch nicht durchgehend dominiert, sondern immer wieder gezielt unterbrochen wird. Auf einen weiteren „Reality Check“ folgt „Whispers in the Night Sky“, dessen Aufbau stärker an klassische Songstrukturen erinnert. „Faded“ überrascht dagegen mit Anleihen aus dem Jungle-Genre. Bei „Rückwärts“ kommt der erste Gastbeitrag zum Einsatz: Calva Y Nada hat den langsamen Track unterstützt, mit dem ich persönlich allerdings nicht vollständig warm werde. Damit endet die erste CD.
Die zweite CD verzichtet auf das Konzept der unterbrechenden „Reality Checks“. Stattdessen stehen deutlich längere Instrumentalstücke im Mittelpunkt; „Reality Check (Slipping Away)“ erreicht beispielsweise eine Spielzeit von knapp sechs Minuten.
Die zweite CD eröffnet mit dem clubtauglichen „Silk Skin“, zugleich dem wohl zugänglichsten Stück des Albums. „Götterfall“ setzt auf deutschen Text und erinnert musikalisch deutlich an die früheren Tage von Mildreda. Zudem fällt der Track wesentlich geradliniger aus als viele Stücke der ersten CD.
Auch die Zusammenarbeit mit Johan van Roy schlägt stilistisch eher diese direktere und geradlinigere Richtung ein.
Fazit: „Realities“ ist ein überzeugendes und vielschichtiges Album, das sich nur selten unmittelbar für die Tanzfläche empfiehlt. Dafür bietet es langfristigen Hörgenuss: Mit jedem weiteren Durchlauf lassen sich neue Details, Klangschichten und Feinheiten entdecken.
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