Vor wenigen Tagen erschien das Magazin „Electrozombies #01“ als Taschenbuch. Grund genug dem Kopf hinter Electrozombies mal auf den Zahn zu fühlen.
Hallo Thomas, wie geht es dir?
Vielen Dank der Nachfrage, bei mir ist alles in Ordnung. Ich bin generell eher der tiefenentspannte Typ, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt.
Bevor wir zum eigentlichen Anlass des Interviews kommen, erzähl uns doch mal, wie es zu der Webseite Electrozombies gekommen ist?
Bei der ersten Frage könnte ich direkt mit einem Epos anfangen, aber ich halte mich kurz: Ich habe schon von klein auf Musikvideos geliebt und in meiner Jugend keine Folge von „Formel Eins“ (der Musiksendung im WDR) verpasst. Dementsprechend ging es weiter mit MTV, VIVA und Co. Mit dem Sterben dieser Sender, bei MTV fing das durch den Wechsel zu Reality-Shows ja schon viel früher an, entstand für mich und wahrscheinlich viele andere ein Vakuum. Als die Internetanschlüsse endlich schnell genug waren, um Videos zu streamen, entstand 2005 YouTube und kurz darauf diverse Blogs mit Video-Inhalten. Das war für mich eine spannende Zeit. Ich suchte damals nach Blogs mit Synth-Pop-Musikvideos, wurde aber leider nicht fündig. So entstand 2010 die Idee, das Ganze selbst in die Hand zu nehmen. Ich startete Electrozombies initial als reinen Blog; erst nach und nach kamen weitere Kategorien hinzu, bis es sich zu dem entwickelt hat, was es heute ist.
Insider-Info: Offiziell bin ich erst im Dezember 2010 gestartet, hatte aber schon im Sommer 2010 mit einer Joomla-Seite begonnen. Diese wurde jedoch zweimal kurz hintereinander gehackt, woraufhin ich mit WordPress ein neues System auf meinem eigenen Hosting aufgesetzt habe.
„Nebenbei“ hast du ja aber auch noch andere Projekte, was machst du noch so?
Hahaha, ja, wahrscheinlich mache ich insgesamt zu viel. Vorab: Ich habe einen Full-Time-Job (40 Std.) in einer Werbeagentur. Neben Electrozombies betreibe ich als kleineres Nebenprojekt mit geringer Priorität Madcap Movies (madcapmovies.com). Ich liebe Trash-Filme und verrückte Filmideen. Hier habe ich noch extrem viele Filme zum Einpflegen „in petto“, aber wie bereits erwähnt, hat das aktuell die niedrigste Priorität.
Als großer Depeche-Mode-Fan und Liebhaber guter Coverversionen empfand ich es zudem als extrem schade, als Michael M. Müller von depechemodecovers.com das Projekt damals aus Zeitgründen nicht weiterführte. Ich hatte aber Lust darauf und die Vision, die Website technisch weiterzuentwickeln. Wir wurden uns schnell einig und Michael hat mir die Seite in meine Obhut übertragen. Nach einem großen Relaunch pflege ich depechemodecovers.com nun in unregelmäßigen Abständen als „Prio 2“ nach Electrozombies.
Und ganz nebenbei, wobei ich hier sehr selektiv bin, habe ich vor Kurzem die Seite ultraschwarz.com gestartet. Dort biete ich meine Dienste (Webentwicklung, SEO, Marketing etc.) speziell für Bands, Künstler, Promoter und andere Akteure in der schwarzen Szene an.
Kommen wir zum „Electrozombies Magazine #01“. Wie entstand die Idee?
Hier muss ich kurz ausholen. Wie erwähnt, arbeite ich hauptberuflich in einer Werbeagentur und kümmere mich dort um die Webentwicklung für Websites und Onlineshops sowie SEO, aber auch um Werbefilme und Produktfotos. Ich bin technisch neugierig und, das würde ich mal behaupten, sehr versiert. Ende 2023 hatte ich bereits über VPN mit den ersten Versionen von ChatGPT experimentiert, als das noch kein geflügelter Begriff war. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Inzwischen kann jeder eine Werbeanzeige oder ein Video „prompten“, ohne ein Gespür für Ästhetik zu haben. Texte werden mit Falschangaben und in endlos langweiligem, generischem „Bullshit“ generiert und trotzdem ranken diese Websites, solange nur genug Keywords enthalten sind. Und weil alle so geil darauf sind (vor allem finanziell), pusht Spotify KI-Musik und YouTube KI-Videos. Das Gleiche passiert aktuell in der Werbeagentur, in der ich tätig bin. Das Ziel ist es, KI-Vorreiter zu werden, und alles wird hart auf Effizienz getrimmt.
Zu 100 % von Menschen erstellte Dinge werden zum Luxusgut. Das klingt ein bisschen nach einer Cyberpunk-Theorie, ist für mich aber sehr wahrscheinlich.
Ich bin dessen inzwischen überdrüssig. Das Problem dabei ist, dass aktuell vieles an Seele verliert. Ich persönlich kann mir diese KI-Videos zum Beispiel nicht mehr ansehen. Von der anfänglichen (technischen) Begeisterung ist bei mir nur noch ein abstoßendes Gefühl übrig.
Um es zuzuspitzen: Ich denke, dass das Internet durch KI sterben wird. Und nein, ich bin keiner dieser Schwurbler, aber die „Dead Internet Theory“ ist jetzt schon messbar. Vielleicht ist das Internet irgendwann nur noch dazu gut, sich lustige Tiervideos anzuschauen, aber mehr nicht. Des Weiteren vermehren sich Fake News wie ein Flächenbrand und füttern damit wieder die KI. Aus redaktioneller Sicht gefragt: Warum sollte ich noch gute Reviews schreiben, wenn ich keine Klicks mehr bekomme? Die KI crawlt meinen Inhalt und vor allem die jüngere Generation (kein Bashing) lässt sich Fragen durch KI-Zusammenfassungen, beispielsweise basierend auf meinen Reviews, beantworten. Gerade im Bereich SEO ist diese „Zero Click“-Debatte momentan ein riesiges Problem.
Wie entstand nun die konkrete Idee? Ich persönlich habe vor circa zwei Jahren angefangen, meine eigene Bildschirmzeit zu reduzieren. Vorher waren es sicher 12 bis 14 Stunden pro Tag! Ich begann zunächst damit, Klemmbaustein-Modelle (LEGO®-Alternativen) zu bauen, das mache ich auch heute noch. Dabei höre ich nach langer Zeit mal wieder ganze Alben am Stück. Einfach herrlich: kein Bildschirm und wieder Musik hören wie früher.
Electrozombies #01 jetzt bei Amazon
Der nächste logische Schritt folgte bei einem typischen Sonntagmorgen-Frühstücksgespräch mit meiner Frau. „Wohin führt dieser ganze billig produzierte KI-Slop?“, war die zentrale Frage. Digitale Arbeit wird nach und nach entwertet. Unsere Theorie: Zu 100 % von Menschen erstellte Dinge werden zum Luxusgut. Das klingt ein bisschen nach einer Cyberpunk-Theorie, ist für mich aber sehr wahrscheinlich. Ein Print-Magazin wird nicht von der KI gecrawlt, und „Slow Media“ wird definitiv ein Thema der Zukunft sein. Vielleicht bin ich aktuell etwas zu früh dran, aber so habe ich Zeit, zu testen und meinen Rhythmus zu perfektionieren. Die Idee zum Magazin war an diesem Morgen gesetzt. Da ich mit Konzepten und Inhalten immer recht schnell bin, war drei Monate später die Erstausgabe geboren.
Ist das Risiko eines finanziellen Desasters nicht recht hoch? Wieviel Idealismus steckt darin? Denn wenn ich es nicht übersehen habe, gibt es keine Werbeanzeigen.
Dieser Punkt hat mich am Anfang am meisten beschäftigt. Wie bringe ich das Ganze an den Start? Herausforderung 1: Ich habe ein recht großes internationales Publikum. Ein weltweiter Vertrieb für ein Nischenprodukt ist finanzielles Harakiri. Selbst ein reiner Deutschland-Vertrieb im Selbstverlag mit einer Auflage von sagen wir 1.000 Exemplaren ist finanziell nicht risikofrei.
Die Lösung war Print-on-Demand! Über KDP von Amazon habe ich keine Vorabkosten und einen internationalen Vertrieb. Vom Verkaufspreis bleibt für mich allerdings nicht viel hängen. Die Hälfte des Preises sind reine Druckkosten. Vom Gewinn nimmt Amazon noch einmal 60 %, die restlichen 40 % bleiben bei mir. Reich wird man damit sicherlich nicht, aber mir liegen das Projekt, meine Vision und die schwarze Szene sehr am Herzen. Dafür stehe ich gerne jeden Morgen um 5 Uhr auf, um vor meinem Job ein paar Stunden „Electrozombies-Zeit“ zu haben.
Zum Thema Werbeanzeigen: In der Erstausgabe haben wir ganz hinten eine Ganzseite von Priest. Ich hatte den Jungs das versprochen. Ich liebe die Band und freue mich schon darauf, das nächste Album zu reviewen. Amazon verbietet in seinen Richtlinien jedoch Werbeanzeigen für KDP-Produkte. Ich weiß nicht, wie genau das kontrolliert wird, aber ich werde in den nächsten Ausgaben vorsichtig ein paar Anzeigen aufnehmen. Wenn alles gut geht, können zukünftig auch Werbeplätze gebucht werden. Denn seien wir ehrlich: Wenn ich meine investierte Zeit rechne, steht mit dem ersten Magazin ein fettes Minus auf dem Konto. Ohne Idealismus würde ich die Sache also lassen. Aber ohne Idealismus und Leidenschaft wäre unsere Szene nicht das, was sie heute ist und was wir an ihr lieben.
Wie hat sich das Konzept hinter dem Magazin entwickelt? Machst du das allein oder gibt es ein Team im Hintergrund?
Die Ausgabe #01 habe ich komplett alleine gestemmt, inklusive Text, Layout, Projektmanagement usw. Aber ich suche Redakteure, die Lust auf meine Vision und ein unabhängiges Magazin haben. Es ist noch nicht final spruchreif, aber ich konnte inzwischen zwei erfahrene Redakteure gewinnen. Da ich eine gewisse Erwartung an die Qualität habe, werde ich die angeforderten Reviews begutachten, sobald diese fertig sind, und dann schauen wir weiter.
Wenn du das hier gerade liest und Lust hast, für das Electrozombies Magazin zu schreiben, melde dich einfach kurz bei mir unter: to*@************es.com.
Wie gestaltet sich das Layout? Das weicht technisch schon vom Webdesign ab. Hattest du da bereits Erfahrungen im Vorfeld?
Bevor ich komplett in den Online-Bereich gewechselt bin, habe ich gut 15 Jahre im Print-Bereich gearbeitet. Ich verfüge also über professionelle Erfahrung im Layout. Ich musste mich zwar für Electrozombies erst wieder reinfuchsen, da ich seit fast 10 Jahren nichts Größeres mehr für Print gemacht habe, aber das ist im Prinzip wie Fahrradfahren. Privat besitze ich allerdings keine Adobe Suite, daher musste ich die Programme von Affinity nutzen. Das war noch mal eine kleine Lernkurve, hat aber geklappt.
Was mir persönlich wichtig war, ist die Lesbarkeit und eine cleane Optik. Hand aufs Herz: Wir mögen uns zwar fühlen wie Mitte 20, aber die meisten in unserer Szene sind deutlich älter und die Augen werden nicht besser. Wenn ich mir andere Print-Magazine unserer Szene in Deutschland anschaue (ohne Namen zu nennen), kann ich oft nur mit dem Kopf schütteln. Negativschrift in 7 oder 8 Punkt auf billigstem Papier, sodass der Text regelrecht „wegsuppt“, das macht das Lesen zur Herausforderung. Übrigens: Unser Blocksatz ist ganz bewusst so gesetzt!
Wie wählst du die Themen, die es ins Magazin schaffen?
Das ist recht einfach: Alles, was mir gefällt, könnte auch anderen gefallen. Ich halte mich persönlich nicht für so einzigartig und weiß durch das Feedback auf der Website, dass ich weltweit viele Leute erreiche.
Sprich: Musikalisch kommt alles rein, was mir persönlich gefällt oder wovon ich glaube, dass es die schwarze Szene interessieren könnte. Zum Thema Interviews oder „The Source Code“: Es gibt so viele interessante Menschen in unserer Szene, da wird der Stoff nie ausgehen. Mich interessieren dabei besonders die persönlichen Aspekte, mehr als das übliche Promotion-Gelaber. Das macht den Menschen für mich greifbarer. Auf meinem Trello-Board habe ich über die letzten Jahre genug große Themenblöcke gesammelt. „Brennholz“ ist also reichlich auf Lager.
Gibt es schon Pläne wie sich das im Idealfall entwickeln soll?
Im Idealfall steht das Magazin irgendwann weltweit im Kiosk und/oder lässt sich über einen Onlineshop abonnieren. Dann mache ich das Vollzeit und kehre der „irren“ und stressigen Agenturwelt den Rücken.
Ich wünsche dir viel Erfolg mit dem Magazin und überlasse die das letzte Wort.
Vielen Dank für die gut aufbereiteten Fragen und die Bühne. Ich bin ja schon ewig Fan von GEWC und freue mich über die Zusammenarbeit im Magazin. Ich denke, wir können das vorab spoilern: Ab der zweiten Ausgabe werden die GEWC-Charts kumuliert als Quartals-Charts enthalten sein, also die Top 15 Alben und Singles des jeweiligen Quartals. Ein Grund mehr, fleißig abzustimmen! Diesbezüglich mussten wir auch unseren geplanten Veröffentlichungstermin von Ende Juni auf Ende Juli verschieben, damit wir die Charts sauber ins Magazin bekommen.
Zu guter Letzt möchte ich euch noch den Podcast von Black Generation ans Herz legen. Ich habe das irgendwie total verpasst, höre aber auf dem Weg zur Arbeit immer Podcasts. Ich bin froh, mal etwas aus unserer Szene zu hören, statt der üblichen wöchentlichen SEO- oder Klemmbaustein-Podcasts. Danke dafür!
Dann „klaue“ ich dir doch noch das letzte Wort und bedanke mich für die Worte über das was ich so in meiner Freizeit mache.





